Tag 9: Von Grein nach Melk – 45,4 km – 6:30 Stunden – 9.042 Paddelschläge

Tag 9: Von Grein nach Melk – 45,4 km – 6:30 Stunden – 9.042 Paddelschläge

28.07.2017. Die Donau, sie ist eine der ältesten und bedeutendsten Handelsrouten. Ursprünglich mit Flößen, seit der Römerzeit mit Schiffen, wurden allmögliche Waren und ganze Heere auf der Donau transportiert. Typische Boote waren die „Wiener Zillen“, unter anderem auch als „Ulmer Schachteln“ bezeichnet. Es waren einfach konstruierte, bis zu 30 Meter lange Boote, die in der Regel noch einen Hausaufbau auf dem Deck hatten. Oftmals wurden die Boote nach Erreichen ihres Ziels auseinander gebaut und das Holz verkauft.

Für lange Zeit konnten die Boote stromaufwärts nur durch das sogenannte „Treideln“ vorankommen. Auf den seitlichen Trampelpfaden wurden die Boote mit Hilfe von Leinen von Menschen und später von Ochsen oder Pferden gezogen – eine schweißtreibende Angelegenheit, aber auch lukratives Geschäft für die örtlichen Schiffsmeister. Teilweise wurden 60 Pferde und nochmal so viel Mannschaft herangezogen. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Tradition des Treidelns beendet. Die „Ulmer Schachteln“ wurden in die Museen verbannt.

Pascal ist Gott sei Dank nicht mehr auf einer „Ulmer Schachtel“ unterwegs, und auf dem Rückweg wird er sich auch nicht von 60 Ochsen „treideln“ lassen. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit den beiden Sauerländern Andrea und Stefan (die beiden haben die letzten drei Nächte mit Pascal jeweils unter dem gleichen Dach verbracht) startete Pascal gegen 9:30 Uhr seinen Tagesabschnitt. Andrea und Stefan gaben ihm noch einen Buchtipp mit auf den Weg: Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu. Unter anderem spielt die Handlung im Donaudelta, Pascals finales Ziel seiner Mission.

Der Wasserstand der Donau hat sich heute im Vergleich zu den letzten, wilden Tagen verringert, dennoch ging es flott dahin. Kurz nach dem Start war es soweit: Pascal erreichte die „Herberge des Todes“ – so nannten Schiffsleute demütig den heikelsten Abschnitt der Donau im Grenzgebiet zwischen Ober- und Niederösterreich. Der Strudengau, jenes 25 Kilometer lange Waldtal der Donau zwischen Dornach und Ybbs, war arg gefürchtet. Ein granitenes Bollwerk des Böhmischen Massivs stellt sich in den Weg, das die Donau mit mehreren Biegungen durchschneidet. Durch die plötzliche Verengung kommt es zu einer starken Strömung mit wilden Strudeln und Stromschnellen – der legendäre „Greiner Strudel“.

Ein dramatisches Bild zeichnet Joseph von Eichendorff: „Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen unergründlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten gleichförmig fort. Der Mund des Wirbels öffnet sich von Zeit zu Zeit dunkelblickend, wie das Auge des Todes.“

Stifter schreibt über die Herausforderungen der Schiffer: „Die Männer, denen die Leitung des Schiffes anvertraut worden war, späheten sorgsam, arbeiteten emsig, und lenkten das Schif in ein schnelles tiefes Wasser zwischen dem Inselthurme und der weißen Fläche, welche schäumendes tosendes Wasser über Geklippe war.“ Reihenweise Boote gingen hier unter, viele Menschen ertranken.

Wie erging es Pascal auf diesem gefürchteten Flussstück? Er konnte den Greiner Strudel unbeschadet passieren. Schon Maria Theresia versuchte das Flussstück durch Sprengungen zu entschärfen. Durch den Bau des Donaukraftwerkes Ybbs-Persenbeug im Jahre 1957 und dem damit verbundenen Anstieg des Wasserspiegels konnten die schlimmen Untiefen und Strudel schließlich beseitigt werden. Durch die mit ihren düsteren Abhängen eingeengte Flusslandschaft zu paddeln, war für Pascal dennoch eine spannende Erfahrung.

Im Anschluss entspannt sich dann der Flusslauf wieder, ein Tal nach Süden baut sich auf. Es ist eine schöne Gegend mit malerischen Orten wie Ybbs und Pöchlarn, die auch im Nibelungenlied genannt werden. In Pöchlarn wurde der expressionistische Maler Oskar Kokoschka geboren. Im Kokoschka-Haus wird das Leben und Werk des Künstlers präsentiert. Die Gegend um Ybbs und Pöchlarn war früher eine fruchtbare Aulandschaft, die heute Wiesen und Feldern gewichen ist. Die Donau wurde hier durch Dämme deutlich reguliert. Hier machte Pascal für ein Radiointerview mit FM4 einen kurzen Stop. Das Interview mit Hannes Duscher und Roli Gratzer ist echt der Knaller, hier solltet ihr auf jeden Fall mal reinhören: http://fm4.orf.at/player/20170728/UPA/132856 (Play drücken nicht vergessen).

Im weiteren Verlauf trifft er auf das letzte Stauwehr des Tages. Kurz darauf verfährt sich Pascal zum ersten Mal auf seiner Reise, weil er die Abiegung zum Hotel, einen kleinen Flusspfad, aufgrund einer ganzen Armada an Ausflugsdampfern verpasste. Hier musste er leider für rund einen Kilometer den Landweg antreten, er kam somit doch nochmal in den Genuss des „Treidelns“. Schließlich erreichte Pascal am späten Nachmittag das Tagesziel über einen kurzen Seitenarm der Donau, das Zentrum von Melk, auch als „Tor der Wachau“ benannt. Bekannt für seine eindrucksvolle Benediktinerabtei Stift Melk gehört der Nibelungenort zum UNESCO-Weltkulturerbe – ein weiteres Highlight für Pascal auf seiner Reise. Das Stift wird mehrmals in Umberto Ecos Der Name der Rose erwähnt. Diesen schönen Ort wollte auch ich mir nicht entgehen lassen. So bin ich heute zu Pascal gereist und werde ihn auch morgen begleiten.

Übrigens war es damals Brauch der Donauschifffahrt, einmal über Bord Gegangene nicht zu retten, sondern den Fluten zu überlassen. Sie wurden als Opfer zur Beruhigung der Flussgottheiten betrachtet. Wahrscheinlich gab es aber einen pragmatischeren Grund: viele Menschen konnten damals nicht schwimmen, so ließ man es geschehen. Die umliegenden Wallfahrtskirchen waren voll mit Danksagungen und Votivgaben, scheinbar kam es öfter zu solchen Unglücken.

Morgen steht für Pascal wieder ein absolutes Highlight an: die Fahrt durch die Wachau, das malerische Weingebiet und einer der schönsten Streckenabschnitte der gesamten Donau.

Nun heißt es aber: Nunc est bibendum! Oder zu Deutsch: Jetzt wird getrunken! TF

PS: Pascal war nochmals in der Abendschau des Bayerischen Rundfunks. Den Link dazu findet Ihr auf unserer Medienseite.

1 Kommentar

  1. Thorsten Arp sagt:

    Hei Pascal,,Thomas und Team
    Grossartige Berichte die Spass machen die Tour mitzuverfolgen. Bleibt dran!
    Aloha
    Thorsten / Bodensee

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