Tag 51: Von Svištov nach Ruse – 58,5 km – 7:53 Stunden – 14.241 Paddelschläge – Gesamtkilometerstand: 1.964,0 km

Tag 51: Von Svištov nach Ruse – 58,5 km – 7:53 Stunden – 14.241 Paddelschläge – Gesamtkilometerstand: 1.964,0 km

08.09.2017. „Rustschuk, an der unteren Donau, wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt für ein Kind, und wenn ich sage, dass sie in Bulgarien liegt, gebe ich eine unzulängliche Vorstellung von ihr, denn es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören. Außer den Bulgaren, die oft vom Lande kamen, gab es noch viele Türken, die ein eigenes Viertel bewohnten, und an diese angrenzend lag das Viertel der Spaniolen, das unsere. Es gab Griechen, Albanesen, Armenier, Zigeuner. Vom gegenüberliegenden Ufer der Donau kamen Rumänen, meine  Amme, an die ich mich aber nicht erinnere, war eine Rumänin. Es gab, vereinzelt, auch Russen.“ Rustschuk? Es ist der deutsch-osmanische Name des bulgarischen Ruse. Die Zeilen stammen aus Elias Canettis Buch Die gerettete Zunge. Canetti, der Weltbürger und Literaturnobelpreisträger, den keine Stadt so prägte wie sein Geburts- und Kindheitsort. Die einst vielsprachige und wohlhabende Donaumetropole Ruse war heute Pascals Tagesziel. Das klingt schon mal verlockend.

Gestern Abend ging es Pascal früh ins Bett, denn am Morgen war er mit dem Hafenmeister Imel verabredet, bei dem er sein SUP deponieren konnte. Der laute Glockenschlag der nahen Kirche brachte Pascal pünktlich aus dem Bett. Imel erwies sich als unheimlich netter Mensch. Auf einer Karte zeigte er Pascal, an welchen Stellen große Schiffe heute auf seiner Etappe unterwegs waren. Und dann gab er ihm auch noch Wasser mit. Pascal gilt sein großer Dank für die tolle Unterstützung. Nachdem sich Imel auf Pascals SUP verewigte, machte er sich 9:40 Uhr auf den Weg nach Ruse.

Direkt nach dem Start zieht es die Donau in leicht nordöstliche Richtung, die Vorläufer des Balkangebirges drängen die Donau in diese Richtung, die sie für die nächsten 200 Kilometer einschlägt. Für Pascal war es heute eine sehr harte Etappe. Er spürte die 360 Kilometer in den Knochen, die er in den letzten fünf Tagen absolviert hatte. Die Strömung war auf den ersten 20 Kilometern kaum zu spüren, und wieder mal war es sehr heiß. So hieß es für Pascal heute durchziehen und von Kilometer zu Kilometer denken. Er wusste aber, dass er heute die 500 Kilometermarke knacken würde, das gab ihm mental Auftrieb. Und dann wurde er auch noch von Kormoranen und Pelikanen entschädigt, die sich ihm in großer Anzahl auf den Sandbänken zeigten. Pascal schob sie praktisch von Sandbank zu Sandbank vor sich hin, denn jedes Mal, wenn er sich näherte, zogen die rund 50 Pelikane und unzähligen Kormorane zur nächsten Sandbank. Das ganze Spiel wiederholte sich mehrere Male – eine tolle Ablenkung und ein faszinierender Anblick, wie diese besonderen Wasservögel in ihrer Eleganz auf- und absteigen.

Nach rund 20 Kilometern folgte das aus weißem Stein bestehende Monument des Chadschi Dimitar. Er war ein Freiheitskämpfer, der hier mit seinem Partisanenherr anlandete, um Bulgarien von der osmanischen Unterjochung zu befreien – es war die Phase der „Bulgarischen Wiedergeburt“. 1868 fiel er in Kampfhandlungen in den Bergen des Balkangebirges. Im ganzen Land wurden Denkmäler für den Märtyrer aufgestellt. Der Berg, auf dem er fiel, wurde nach ihm benannt.

Später wurde Pascal von einem großen Dampfer angehupt, der sich auf ein Wendemanöver vorbereitete und Pascal warnte. Vermutlich war es nicht nötig, denn die Donau zeigte sich heute wieder in einer unermesslichen Breite. Es war eine wunderbare Natur, Orte sah Pascal lange nicht, und auch keine Menschen. Erst nach 40 Kilometern tauchte wieder die Zivilisation auf.

Nur wenige Kilometer vor dem Ziel wurde Pascal von einem rumänischen Polizeiboot verfolgt. Er dachte sich nichts dabei, schließlich bewegte er sich auf der bulgarischen Seite der Donau. Das Boot tuckerte zwei bis drei Kilometer langsam hinter ihm her. Dann reichte Pascal das Schauspiel der Verfolgung und er drehte sich um. Und wie sollte es auch anders sein, der rumänische Grenzpolizist, lässig in Shorts, Schlappen und ein im Wind wehendem Polizeihemd gekleidet, wollte Pascals Dokumente sehen. Pascal zeigte nicht nur seinen Pass, sondern brachte mal wieder den Bierdeckel ins Spiel. Und damit zauberte er umgehend ein Lächeln in das Gesicht des lässigen Bootspolizisten. Pascal konnte seine Reise problemlos fortsetzen.

Gegen 17:30 Uhr erreichte Pascal schließlich das Tagesziel Ruse. Imel gab ihm den Tipp im Yachthafen anzulanden, was Pascal auch tat. Von „Yachhafen“ kann aber nicht wirklich die Rede sein, eher einfache Boote liegen hier vor Anker. Über die Vermittlungshilfe durch eine Frau am Telefon, die passables Englisch sprach, konnte Pascal mit dem Mitarbeiter des Yachthafens vereinbaren, dass er hier sein SUP für die nächsten zwei Tage deponieren kann. Der Mitarbeiter war so freundlich und begleitete Pascal zu seinem Hotel. Und er wird versuchen für das Filmteam um Nils und Matse ein Motorboot für die kommenden Drehsessions zu organisieren. Eine tolle Geste. Schauen wir mal, ob es klappt.

Ruse ist seit langem mal wieder eine größere Stadt, mit 170.000 Einwohnern immerhin die viertgrößte Stadt Bulgarien, die auf eine lange Geschichte zurückblickt. Erste Siedlungspuren reichen bis 5.000 v. Chr. zurück. Thraker und Römer kamen, später Osmanen, die den Ort lange beherrschten. Wegen der prächtigen Stadtvillen und Bürgerhäuser wird Ruse auch als „Klein-Wien“ bezeichnet. Es ist eine Stadt, die mit vielen Plätzen, Brunnen, Parks und Cafés viel Leben bietet, aber auch über den größten Donauhafen Bulgariens verfügt. Eines der Wahrzeichen der Stadt ist die Brücke der Freiheit. Sie wurde 1954 gebaut, ist über zwei Kilometer lang und war bis 2012 die einzige Brücke im unteren Donauraum. Die Brücke diente auch dazu den Kommunikationskanal zwischen Rumänien und Bulgarien zu öffnen, die sich stets eher misstrauisch beäugten. Ende der 80er Jahre protestieren viele Menschen auf der Brücke gegen die verheerende Umweltverschmutzung durch die lokalen Chemiekombinate – es war gleichzeitig einer der Auslöser für den Umbruch in Bulgarien.

In Ruse mündet die Rusenski Lom, einer kleiner Fluss, der unter Naturschutz steht. Der Flusslauf ist durch enge Schluchten und eine hohe Artenvielfalt in Bezug auf Wasservögel und Fische geprägt. Im Rahmen eines WWF-Projekts werden Barrieren entfernt, sodass Fische wieder ungehindert ihre Laichplätze erreichen können. Die lokale Bevölkerung wird dabei mit einbezogen, insbesondere auch um ein besseres Bewusstsein, zum Beispiel für eine umweltverträgliche Landwirtschaft, in der Region zu schaffen. Der WWF setzt sich für eine deutliche Ausweitung des Projekts über die Donau bis hinein nach Rumänien ein.

Auf der rumänischen Seite der Donau liegt die Stadt Giurgiu, die zum Großraum Bukarest gehört und rund 60 Kilometer südlich der rumänischen Kapitale liegt. Es ist mal wieder ein Ort, der von Händlern aus Genua im 14. Jahrhundert gegründet wurde. Gemeinsam mit Ruse bildeten die Donauzwillinge früher einen wichtigen Knotenpunkt der Handelsroute von Bukarest nach Konstantinopel. Heute ist es sehr industriell geprägt, mit kaum einschätzbaren Folgen für die Wasserqualität der Donau. Ähnlich sieht es auch in Ruse aus, das ebenfalls über viele Industrieanlagen verfügt. Die gegenseitige Umweltbeeinträchtigung war eine stetige Belastung des Verhältnisses beider Städte.

Am Abend wird Pascal entspannen. Er ist sehr glücklich heute die 500 Kilometermarke gekackt zu haben. Allzu weit ist es jetzt nicht mehr bis zum Schwarzen Meer. Und er freut sich, dass er morgen mal wieder einen Ruhetag hat. Die letzten, sehr langen Etappen haben dann doch ihre Spuren hinterlassen. Den Tag möchte Pascal morgen nutzen, um sich die Stadt ein wenig anzuschauen. Im Laufe des Tages wird die Filmcrew um Nils und Matse dazu stoßen.

Elias Canetti wurde übrigens 1905 in Ruse geboren. Damals gehörte die Stadt noch zum osmanischen Reich. Erst drei Jahre später konnte sich Bulgarien von den osmanischen Fesseln befreien und wurde ein Zarentum. Canettis Eltern waren sephardische Juden, Nachkommen von spanischen Juden, die im 12. Jahrhundert vor Pogromen auf der iberischen Halbinsel flohen. Sechs Jahre verbachte er in Ruse, danach zog es ihn nach Manchester und Wien, wo er 1938 nach London fliehen musste. Seinen Lebensabend verbrachte er in Zürich, wo er 1994 starb. Ruse, seine Kindheit, trug er immer in sich: „Alles was ich später erlebt habe, war in Rustschuk schon einmal geschehen“, schreibt er in seiner Autobiographie. Es waren die große Familie, die vielen Sprachen, die unterschiedlichen Menschen, die unzähligen Märchen, die er vorgelesen bekam, das jüdische Leben, die ersten Liebesgefühle, die ihn sein Leben lang prägten. Er war ein anspruchsvoller Mensch, nur ein Zehntel seiner Werke veröffentlichte er, denn sie sollten haltbar, etwas Besonderes sein, das die Zeiten übersteht. Sein berühmtestes Werk ist Die Blendung, für das er den Literaturnobelpreis erhielt und von dem er sich später wieder distanzierte. Nach Ruse kam er übrigens nie wieder zurück. Er wollte es in seinen Gedanken bewahren.

Ein Ziel von Pascal an seinem Ruhetag morgen ist das Geburtshaus von Elias Canetti. Mal schauen, was er vom großen Schriftsteller berichtet. TF

PS: Ab morgen werden für eine Woche Dorothee und Pascal gemeinsam für Euch berichten. Die Artikel werden daher etwas kürzer ausfallen. Für mich selber heißt es nun eine Woche Baskenland. Mal schauen, wie sich die Wasserqualität des Atlantiks so macht. Herzliche Grüße an alle!

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