Tag 45: Von Gruia nach Cetate – 37,9 km – 5:30 Stunden – 9.438 Paddelschläge – Gesamtkilometerstand: 1.649,2 km

Tag 45: Von Gruia nach Cetate – 37,9 km – 5:30 Stunden – 9.438 Paddelschläge – Gesamtkilometerstand: 1.649,2 km

02.09.2017. Durch eine ARTE-Dokumentation, die Pascal vor ein paar Monaten sah, wurde er auf ihn aufmerksam. Er sei ein bekannter, rumänischer Poet und Schriftsteller, der bei Cetate ein Kulturzentrum und Gasthaus an der Donau gebaut haben soll und heute dort lebt. Er war eine große Hoffnung der rumänischen Literatur, doch wegen seiner gesellschaftskritischen Gedichte und Schriften fiel er in Ungnade, geriet auf den Radar des Securitate, des rumänischen Geheimdienstes. Ein Provokateur, ein enfant terrible für die Machthaber. Es folgte, was folgen muss. Publikationsverbot 1987. Sein Job als Redakteur musste er aufgeben. Schließlich wurde er sogar unter Hausarrest gestellt. Ein Mann, der ein bewegendes Leben hinter sich hat. Sein Name: Mircea Dinescu. Seine Begegnungsstätte in Cetate war Pascal heutiges Tagesziel.

Die zweite Nacht in freier Wildnis verbrachte Pascal ähnlich wie die Gestrige. Wieder Mal gab es viel Lärm, und so richtig konnte er nicht zum Schlaf finden. In Rumänien und Serbien gibt es durch mehrere kirchliche Feiertage ein eher enges Zeitfenster für Hochzeiten im Sommer. Und scheinbar ist dadurch derzeit „Primetime“, was das Schwören ewiger Treuer betrifft. Entsprechend wird in vielen Dörfern der Gegend ausgiebig getrunken und getanzt, in diesem Fall zum Nachteil für Pascals wichtigen Erholungsschlaf. Allerdings war er schon wesentlich entspannter und hörte nicht mehr auf jedes Geräusch. Am Morgen stand er gegen 8 Uhr auf, gönnte sich ein erfrischendes Bad in der Donau, bereitete sich ein kleines Frühstück und packte wenig später seine Sachen zusammen. Er startete gegen 9:45 Uhr seine Etappe Richtung Cetate.

Auf den kleinen Ort Gruia folgt zunächst eine langgezogene Kurve, die die Donau wieder in südöstliche Richtung bringt. Hier konnte Pascal auf einer Sandbank einen riesigen Schwarm Kormorane bei ihrem Bad in der Sonne beobachten. Als Pascal sich näherte, flogen diese, ordentlich Lärm machend, von dannen. Für Pascal war es beeindruckend, die schätzungsweise 150 Kormorane aufsteigen zu sehen, auch wenn die Tiere nicht gerade den besten Geruch aufwiesen, wie er mir zurief.

Bei Kilometer 846 mündet die kleine Timok in die Donau. Sie ist rund 200 Kilometer lang und in ihrem unteren Bereich wird Kohle- und Erzabbau betrieben, der die Wasserqualität stark beeinträchtigt. Die Timok ist gleichzeitig auch der natürliche Grenzverlauf zwischen Serbien und Bulgarien. Und damit verließ Pascal an dieser Stelle nach 588 Kilometern Paddeln Serbien. Zdravo!

Sdrawej Bulgarien, hieß es nun für Pascal. Er erreichte nach rund 1620 Kilometern und 45 Tagen das achte Land seiner Reise. Für die nächsten 400 Kilometer stellt die Donau die natürliche Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien dar. Die bulgarische Donau, sie durchfließt den äußersten Norden dieses ärmsten EU-Landes. Auf diesem Teilstück existieren zwischen den beiden Ländern nur zwei Brücken, eine erst 2012 fertiggestellte Brücke bei Vidin und die Brücke der Freundschaft bei Ruse. Die Donau hat für Bulgarien keine übermäßige Bedeutung, zumal der Norden des Landes nur dünn besiedelt ist. Mit Vidin und Ruse liegen auch nur zwei größere Städte direkt am Fluss.

Nach dem Grenzübergang, den Pascal problemlos passieren konnte, und einer leichten Biegung ging es dann für Pascal für 20 Kilometer immer geradeaus die Donau herunter. Auf der kleinen Sandbank Chichinete legte Pascal eine kleine Pause ein und entspannte ein wenig in der idyllischen Natur.

Dann hieß es für Pascal nochmal 15 Kilometer paddeln. Vor allem die letzten fünf Kilometer zogen sich für ihn, zumal die Donau hier um die drei Kilometer breit ist und heute mal wieder große Hitze herrschte. Zumindest aber bietet ihm der Fluss ein wenig Strömung, die Pascal auf ungefähr vier Stundenkilometer schätzt. So kann er sich wenigstens ein paar Körner sparen.

Gegen 15:30 Uhr landete Pascal dann bei Flusskilometer 812 am Port Cultural Cetate an. Früher war es einmal eine kleine Hafenanlage, in der das Cetate-Korn für den Export auf Schiffe verladen wurde. Mit dem Korn wurden sogar Croissants in Wien gebacken. Nach dem zweiten Weltkrieg dienten die Gebäude zur Grenzkontrolle, das berühmte Cetate-Korn wurde über den Landweg Richtung Moskau exportiert. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verfiel das Hauptgebäude zusehend und wurde als Stall für Kühe und Schweine durch die örtlichen Bauern genutzt.

1997 erwarb der Journalist, Poet und Schriftsteller Mircea Dinescu das Gelände und gestaltete es zu einer Begegnungsstätte für Künstler, Musiker, Schriftsteller, Filmschaffende und Kulturinteressierte um. Unter anderem ließ er an der Donau einen kleinen Park voller Engelsskulpturen errichten, als Kontrast zum „teuflischen“ Dracula-Mythos Transsilvaniens. Die Stätte dient ferner dazu, durch gemeinsame Projekte den Austausch zwischen den Anrainerstatten Rumänien, Bulgarien und Serbien zu fördern. Eine tolle Geschichte, denn diese Staaten beäugen sich eher misstrauisch, als das sie in offener und freundschaftlicher Nachbarschaft miteinander leben. Darüber hinaus bietet die Stätte eine tolle Gastronomie mit lokalen Produkten und traditioneller Küche der Region.

Pascal konnte im Port Cultural Cetate spontan ein Zimmer buchen. Am späten Nachmittag gönnte er sich erstmal einen Weißwein aus dem Gut des Gastwirts. Hier, an der Donau sitzend, konnte er sehr gut abschalten, zumal er nur von rumänisch sprechenden Menschen umgeben ist, und er so nicht abgelenkt wird. Vor allem genoss er es, „nach zwei Tagen Wildnis endlich mal wieder richtig zu sitzen“, wie er mir zurief. Sein Fazit des Tages: Mal wieder hat ihn die Donau begeistert. Zu sehen, wie das Wasser es durch seine eigene Kraft schafft, sich wieder von all den Schadstoffen, die die Menschen in den Fluss ableiten, zu regenerieren, ist beeindruckend. Er konnte heute durch die vielen Sandbänke und den entsprechend flachen Stellen zum Teil glasklares Wasser sehen, was ihn an die Isar erinnerte und sicherlich ein wenig Heimatsehnsucht aufkommen ließ. Ihm persönlich tut die Kombination aus purer Natur, körperlicher Betätigung und der geistigen Ruhe, dem Treibenlassen der Gedanken, gut.

Dinescu war es dann übrigens auch, der den Sturz des rumänischen Diktators Ceausescu im Dezember 1989 als erster im rumänischen Fernsehen verkündete. Nach der rumänischen Revolution wurde Dinescu Mitglied des Rates der Nationalen Rettung und war bis 1996 Präsident des rumänischen Schriftstellerverbandes. Heute lebt, schreibt und kocht er in Cetate. Außerdem hat er eine wöchentliche Kochsendung im rumänischen Fernsehen – ein scheinbar sehr vielseitiger Mensch.

Morgen plant Pascal wieder eine Etappe von rund 40 Kilometern. Und wieder mal ist das Ziel noch unbekannt. TF

PS: Weitere Informationen zu Mircea Dinescu und dem Port Culturale Cetate findet Ihr hier: http://portcetate.ro/?lang=en.

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