Tag 42: Von Orsova nach Drobeta Turnu Severin – 25,4 km – 4:45 Stunden – 6.866 Paddelschläge – Gesamtkilometerstand: 1.531,2 km

Tag 42: Von Orsova nach Drobeta Turnu Severin – 25,4 km – 4:45 Stunden – 6.866 Paddelschläge – Gesamtkilometerstand: 1.531,2 km

30.08.2017. Es war 1964, Rumänien und das damalige Jugoslawien lechzten nach Energie. Es galt aus armen Agrarländern planwirtschaftliche Vorbildindustriennationen zu schaffen. Naturschutz, die Wahrung der Schöpfung? Zweitrangig. 1972 wurde schließlich das Kraftwerk Eisernes Tor 1 fertiggestellt. Dazu wurde die Donau intensiv reguliert. Dörfer, Straßen, Kulturgüter gingen in den Fluten unter. Der Wasserstand wurde um 30 Meter angehoben. Der Rückstau des Wassers ist bis Belgrad zu spüren, es liegt 200 Kilometer stromaufwärts. Es ist einer der massivsten Eingriffe in die Donau. Den Preis dafür haben Störe und viele andere Fische gezahlt. Durch die Barrieren konnten sie nicht mehr zum Laichen die Donau hinauf schwimmen. Und dieses Wehr sollte Pascal heute passieren. Aber der Reihe nach.

Pascal verbachte gestern einen netten Abend mit Joan, dem Mann der Gastwirtin Michaela. Sie hatten für ihn gekocht und Joan drückte Pascal nach dem sehr herzlichen Austausch eine Spende in die Hand. Später stieß sein Kumpel Andrusa hinzu, der ein lokaler Journalist ist und einen kleinen Artikel zu Pascals Mission schreiben möchte. Sehr früh heute Morgen, gegen 8:45 Uhr, machte sich Pascal dann auf den Weg – mit einer leichten Anspannung im Gesicht, denn es galt das große Stauwehr zu überwinden. Und hierzu hatte er schon die eine oder andere Horrorgeschichte gehört.

Die Passage zu Beginn war für Pascal nochmal der letzte kleine Abschnitt des Eisernen Tores. Er fragte mich gestern wie es Lothar-Günther Buchheim damals, 1938, bei seiner Paddeltour mit einem Faltboot im Eisernen Tor erging. Buchheim machte es sich einfach, er stieg in Belgrad auf ein Dampfschiff und verzichtete auf die herausfordernde Paddelei. Das hatte auch gute Gründe: „Immer enger drängen die hoch aufsteilenden Felsen das Strombett zusammen, und das Schiff nimmt einen vielfach gebrochenen Kurs von einem Ufer zum andern. Obwohl das Strombett stellenweise sehr tief ist, ziehen sich oft Felsriffe hindurch, die bis dicht unter die Oberfläche reichen […] Wie die Rippen gestrandeter Wale ragen hier und dort die Spanten aufgelaufener oder im Weltkrieg versenkter Schiffe aus dem Wasser.“, schreibt Buchheim in seinem Reiseband Tage und Nächte stiegen aus dem Strom.  Trotz der Sprengungen und Entschärfungen, die bereits im 19. Jahrhundert begannen, war die Passage in den 30er Jahren noch sehr gefährlich.

Nach Orsova zieht es die Donau plötzlich wieder in südöstliche Richtung. Pascal konnte von hieraus bereits das Stauwehr in der Ferne sehen. Es folgen keine Verengungen mehr, die Donau wirkt wieder wie eine breite Fahrrinne. Früher war diese Stelle nur mit geleichterten Schiffen und ausreichendem Wasserstand passierbar. Nach den Sprengungen entstand der Kanal, auf dem die Schiffe mit bis zu 20 Stundenkilometern herunter sausten. Die Signalstationen ließen wegen der hohen Geschwindigkeiten immer nur ein Schiff durch, wie Buchheim notiert. Vor allem das Treideln war an dieser Stelle, wie auch im gesamten Eisernen Tor, besonders kraftzerrend. Die Deutschen bauten im ersten Weltkrieg sogar eine Treidellokomotive, zur Sicherung der Getreidezufuhr aus dem Balkan.  Von einer guten Strömung war für Pascal heute durch den Bau der Stauwehre nichts mehr zu spüren, ganz im Gegenteil, es war ein eher mühsames Unterfangen. Der einst durch die Sprengungen geschaffene Kanal liegt heute 50 Meter unter der Wasseroberfläche.

Bei Kilometer 945 erreichte er dann das große Stauwerk. Was sollte er nun tun? Er hatte die vielen blöden Geschichten im Kopf. Zunächst kämpfte er sich erstmal vom Wasser fünf Meter an das Ufer hoch. Weiter oben verläuft die viel befahrene Hauptstraße E70. An diese konnte er nicht herankommen, denn vor ihm lag plötzlich eine Eisenbahnstrecke. Und hier fuhren auch gleich erstmal ein Güterzug und eine Reparaturlokomotive an ihm vorbei. Und so machte sich Pascal einfach auf, und immer die Eisenbahnlinie entlang. Er sprang von Balken zu Balken und war stets wachsam, ob sich ein Zug näherte. Sogar einen Tunnel durchlief er, der jedoch genügend Ausweichplatz für den Fall der Fälle bot. Insgesamt legte er so eine Strecke von 1,5 Kilometer zurück. Die ganze Zeit fuhr parallel zu ihm ein Ausflugsdampfer, auf dem lautstark österreichische Musik gespielt wurde. Da muss sich Pascal über Bahngleise abkämpfen und auf der anderen Seite wird Party gemacht – auch nett. Später konnte er dann ein Stück auf der Hauptstraße entlang laufen und dadurch die Elektrizitätsanlagen passieren. Insgesamt musste er mit seinem Gepäck und dem SUP rund 3,5 Kilometer laufen. Als er endlich wieder am Ufer ankam, gönnte sich erstmal eine kleine Pause, wohlverdient. Sein Fazit: Man sollte nicht immer darauf hören, was einem die Leute so erzählen. Das Wehr selbst ist auf jeden Fall groß, aber nicht überdimensional. Und Pascal hat natürlich schon das eine oder andere Wehr gesehen. Er war erleichtert und am Ende war es kein großes Drama für ihn gewesen.

Nach dem Stauwehr öffnet sich dann das Stromtal langsam. Östlich kann Pascal bereits die flachen Weiten der Walachei erkennen. Er setzte seine Tour fort, und als wäre es nicht genug Aufregung gewesen, pfiff es nach rund fünf weiteren Kilometern plötzlich aus dem Busch und drei Polizisten kamen zum Vorschein. Pascal wurde zum Anlanden aufgefordert, er zeigte seine Dokumente und mal wieder war es der Bierdeckel, der ein Lächeln in die Gesichter der Polizisten zauberte – und so konnte Pascal seine Tour  fortsetzen. Immer mehr Industrieanlagen und Schiffswerften wurden nun am Ufer sichtbar.

Gegen 13:30 Uhr erreichte Pascal das Tagesziel Drobeta Turnu Severin. Als erstes kam ihm ein Pferdefuhrwerk entgegen. Spätestens jetzt spürte Pascal, dass er in Rumänien angekommen war. In Drobeta Turnu Severin hat sich Pascal das Continental Hotel gegönnt, das nur 350 Meter von der Donau entfernt liegt und ihm einen herrlichen Blick über die Donau ermöglicht. Wie immer ist es ein großer Spaß für ihn, mit seinem SUP in die Empfangshallen besserer Hotels reinzumarschieren – die Blicke hat er auf jeden Fall immer auf seiner Seite.

Auffälligster Bau in Drobeta Turnu Severin ist der große Wasserturm im Zentrum der Stadt. Drobeta Turnu Severin hat eine lange Geschichte hinter sich. Unter den Römern stieg der Ort zu einer Colonia auf. Später zogen sich die Römer wieder zurück, und die Gegend Dakien und Drobeta verfielen langsam. In dieser Zeit entstand ein ganz besonderer kultureller Schatz: die Trajansbrücke. Sie wurde zwischen 103 und 105 n.Chr. von römischen Soldaten errichtet, um den erfolgreichen Feldzug gegen die Daker logistisch vorzubereiten. Sie war die erste dauerhafte Brücke der unteren Donau und blieb über ein Jahrtausend lang die längste Brücke der Welt. Ihre Spannweite und ihre Bögen zu sehen, muss ein faszinierender Anblick gewesen sein. Leider wurde sie schon 165 Jahre später zerstört, und so blieben nur die Pfeiler an den Ufern und 20 Pfeiler unter Wasser übrig. Nebenbei bemerkt, dass die rumänische Sprache eine romanische Sprache ist und 75% ihres Wortschatzes dem Italienischen ähneln, liegt an der Einnahme Dakiens durch die Römer zu Beginn des ersten Jahrhunderts n. Chr. Über den Lauf der Zeit wurden vor allem slawische, grieschiche und in geringem Maße auch deutsche Wörter der Sprache beigemischt.

Nachdem Pascal sich erfrischt hatte, ging es mit einem Taxi in die Innenstadt, die er als schön und vor allem sehr sauber beschrieb. Der Taxifahrer sprach ein wenig Englisch, und so konnte er Pascal bei einer kleinen Shopping-Tour unterstützen. Um für die nächsten Etappen flexibel zu sein, benötigt Pascal ein Zelt, einen Schlafsack und eine Isomatte. Ein Outdoor-Shop gab es nicht, und so ging es zunächst in ein Angelgeschäft, wo es die gewünschten Utensilien jedoch nicht gab. Im Baumarkt Dedeman, eine Art rumänischer OBI, fand Pascal dann alles, was er brauchte. Danach deckte er sich im Carrefour noch mit dem nötigen Proviant ein – und so steht nun der Weitereise nichts mehr im Weg. Pascal bietet es die nötige Freiheit, denn nach den kurzen Passagen der letzten Tage möchte er gerne wieder auf 40 bis 50 Kilometeretappen kommen, und das unabhängig von der Verfügbarkeit von Unterkünften. Für die Utensilien hat er sich auch noch eine zweite Tasche besorgt, diese wird ab morgen am Heck des SUPs platziert und nun ständiger Begeleiter.

Mit rund 2300 Megawatt ist das Kraftwerk Eisernes Tor 1 übrigens das leistungsstärkste Laufkraftwerk der Donau, 1972 galt es sogar als das größte Flusskraftwerk der Welt. Es ist ein massiver Betonklotz quer über die Donau, der über einen Kilometer lang ist. Für die Schiffe gibt es ein zweistufiges Schleusensystem, mit dem eine Höhe von 32 Metern überwunden wird. Es ist das vorletzte Stauwerk vor dem Schwarzen Meer. Es folgt nur noch eins: das kleinere Kraftwerk Eisernes Tor 2 bei Kilometer 863. Und dann hat Pascal freie Fahrt bis zum Schwarzen Meer.

Morgen plant Pascal eine Etappe von rund 40 Kilometern, schauen wir mal, wie weit das SUP ihn trägt. TF

1 Kommentar

  1. Christine sagt:

    Chapeau! – wenn das keine Pilgerreise ist, all diese Unbillen überwunden, gefeit für weitere…..
    Mögen dem Protagonisten alle guten Reisegeister zur Seite stehen!!
    sososo largyelo…… mögen die Götter siegreich sein!!
    (ein Ausruf der Himalayavölker, wenn sie einen schwierigen Pass erklommen haben)
    C.

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